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Zu lieben und zu sterben

Roman, Piper Taschenbuch 30239

Erschienen am 10.03.2014
Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783492302395
Sprache: Deutsch
Umfang: 352 S.
Format (T/L/B): 2.5 x 19 x 12 cm
Einband: kartoniertes Buch

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Piper Verlag GmbH
Mark Oliver Stehr
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Georgenstraße 4
DE 80799 München

Leseprobe

Erster Teil   Vorspiel   Freitag, 9. November 1917   Er löste sich aus der Dunkelheit, aber einen Moment lang unterschied ihn nichts von dem Dunkel. Doch dann, als die Frau die Laterne vor dem Pferdemaul in die Höhe hielt, blitzte sein Monokel auf. Der Mann sprach ein tadelloses Italienisch, allein der spröde, metallische Klang verriet, dass seine Muttersprache Deutsch war. In dem flackernden Licht hatte sein Gesicht etwas Strahlendes und Finsteres zugleich, so als würden sich Sterne und Staub dort ein Stelldichein geben.  'Ich rufe die Herrin', sagte Teresa, die, mit dem Benehmen von Herrschaften durchaus vertraut, versuchte, sich die Angst nicht anmerken zu lassen. Sie ließ die Laterne sinken, und der Hauptmann und sein Pferd verschwanden wieder im Dunkel.  Ein, zwei, drei Fackeln warfen Schatten in das Gewölbe des Säulengangs. Fröstelnd zog Teresa den Schal enger um die Schultern. Auf der Straße vor dem Tor noch mehr Fackeln, Wagenrattern, Soldatengeschrei, die Scheinwerfer eines Lastwagens und die stumme Verstocktheit der Maultiere im eisigen Nieselregen. Als sie die schwere Eichentür hinter sich schloss, bemerkte Teresa, dass ich am Fenster in der Eingangshalle hockte und sie beobachtete. Sie legte den Finger auf den Mund und knurrte mir ihr Missfallen ins Gesicht.  Tante Maria war noch auf. Ganz in Schwarz, den Kragen von einer Elfenbeinbrosche geschlossen, stand sie am Fenster und beobachtete, wie die Truppen allmählich den Platz füllten, wo der Schein diverser Feuer das Licht der Scheinwerfer verschluckte. Als wir eintraten, drehte sie sich zu uns um.  'Paróna, paróna.'  'Ruhig, Teresa, ganz ruhig, ich kümmere mich darum. Geh und sag dem Mann auf dem Pferd, ich komme gleich.'  Mit gesenktem Blick, die Laterne auf Kniehöhe, schlurfte die Köchin aus dem Zimmer. Mit den Augen gab die Tante mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Ruhig im Sattel sitzend, nur darauf bedacht, sein Pferd im Schutz des Säulengangs zu halten beobachtete der Hauptmann den Zustrom der Soldaten, ohne einen Finger zu rühren: In seiner distanzierten Reglosigkeit sandte er stumme Befehle aus, die offenbar von allen - Offizieren, Maultieren, Soldaten - ohne die geringste Unsicherheit verstanden wurden.  'Die Paróna', ein Husten, 'die Herrin hat gesagt, dass sie gleich kommt.' Teresa wich einen Schritt zurück, um dem Gestank des Pferdes auszuweichen. Die Soldaten luden die Maultiere ab und verstauten die Maschinengewehre unter den Bögen, wobei sie Schaufeln und Rechen, die dort an der Wand lehnten, Fußtritte versetzten. Die Köchin stieß ein Knurren aus, in das sie ihre ganze Verachtung legte: In ihren Augen waren diese schlichten, aber unentbehrlichen Arbeitsgeräte wie treue Hunde, die nun von Wölfen verjagt wurden. Die Feldspaten brachen eine Tür nach der anderen auf, und die Soldaten drängten mit ihren schweren Tornistern ins Haus; dort machten sie sich über die Schränke her, rissen alles heraus, machten Dinge kaputt und grölten dabei laut, ein Wirrwarr aus abgehackten Silben. Einer, dem noch nasses Laub am Helm klebte, fuhr laut knatternd mit dem Motorrad in den großen Saal und machte erst einen Schritt vor dem Eichentisch halt.  Tante Maria trat hinaus.  'Herr Hauptmann.'  Der Hauptmann salutierte, ohne zu lächeln. 'Hauptmann Korpium', sagte er. 'Wir machen hier Quartier, wir sind insgesamt achtzehn Mann, Offiziere und Burschen.' Dann holte er sein Monokel aus dem Etui. 'Wenn Ihr der Ansicht seid, dass Ihr uns nicht unterbringen könnt', fügte er hinzu und klemmte das Monokel zwischen Augenbraue und Backenknochen, 'dann müsst Ihr das Haus räumen.' Seine Stimme klang ruhig, kalt. Er sprach abgehackt, jede Silbe einzeln, so als bräuchte er all diese winzigen Pausen, um seine Gedanken zu ordnen.  Ein halbes Dutzend Fahrräder passierte das Tor. Das Pferd des Hauptmanns schüttelte den Kopf.  'Ihr mögt ein großer Krieger sein', sagte die Tante, 'aber ein Gentleman seid Ihr sicher nicht.'  'Meine Unteroffiziere übernachten im Gasthof an der P

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